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Der nächste Beinah-GAU in Frankreich?

Detlev zum Winkel

Am 31. März ereignete sich ein Unfall im Atomkraftwerk Paluel, nahe Dieppe an der Küste der Normandie.

22 m langer Dampferzeuger gecrasht

Während einer umfangreichen Wartung (visite decennale) sollten die vier Dampferzeuger (générateurs de vapeur) des Reaktors Paluel-2 demontiert und durch neue Teile ersetzt werden. Diese Dampferzeuger haben allerdings eine enorme Größe und ein enormes Gewicht, und das ganze Manöver muss in der relativ beengten Reaktorhalle stattfinden. CGT und andere Gewerkschaften haben ausdrücklich davor gewarnt: die technische Ausrüstung sei ungenügend, die Zeit zu knapp, das beauftragte Subunternehmen inkompetent. Sie hatten recht: zwei Dampferzeuger konnten aus der Reaktorhalle bugsiert werden, der dritte fiel aus der Halterung und krachte mit der Wucht seines 460 Tonnen (!) Gewichts und mit seiner Länge von 22 Metern (!) auf den Betonboden. Der Unfall wurde zu Recht als „spektakulär“ bezeichnet; man muss einen Totalschaden des Reaktors in Betracht ziehen, wenn man das von Sortir-du-nucléaire (Initiative Atomausstieg) veröffentlichte Foto betrachtet.

Als Betreiber von Paluel erklärte der französische Energieriese EDF, der Reaktor sei wegen der Wartung außer Betrieb gewesen. Seine Brennstäbe, also das nukleare Material, seien entfernt worden, der Reaktor sei „leer“. Deshalb: „L’événement n’a aucun impact, ni sur la sûreté des installations, ni sur l’environnement“ – keine Auswirkungen auf die Sicherheit und die Umwelt.

Wo sind die Brennstäbe?

Aber wo sind die Brennstäbe jetzt? Wo befindet sich das Nuklearmaterial während der Wartung? Das Standardvorgehen sieht vor, die Brennelemente in einem mit Wasser gefüllten Abklingbecken abzulegen. Nach Beendigung der Wartungsarbeiten werden sie von dort wieder entnommen und in den Reaktor eingesetzt. Dabei wird das älteste Drittel des Brennstoffs durch neue Elemente ersetzt. Dieses Abklingbecken, das es in jedem Atomkraftwerk gibt, befindet sich immer in der Nähe des Reaktors, damit diese Arbeiten ohne komplizierte Transportwege und sicher durchgeführt werden können. Das ganze Thema taucht allerdings in der Berichterstattung nicht auf und wird weder von der Aufsichtsbehörde ASN noch von den oppositionellen Umweltschützern erwähnt.

Wir müssen uns also selbst ein Bild machen. EDF hat am 5. April eine „infographie pédagogique“ ins Netz gestellt, um den Unfallhergang zu erklären:

Auf dem ersten Bild sieht man die Anordnung der vier großen Dampferzeuger (grün) und zwischen ihnen die blau gezeichnete Reaktorwanne (Piscine du réacteur), in die der eigentliche Reaktor eingebaut ist, 10m bis 20m in den Betonboden eingelassen. Das alles ist auch so benannt. Wenn man genau hinschaut, erkennt man neben dem Reaktorpool einen zweiten, ebenfalls blau gezeichneten Pool, der nicht benannt ist. Was soll das sein? Nichts anderes als das interne Abklingbecken der Brennelemente, das ich oben erwähnt habe.

Die folgenden Grafiken zeigen, dass die beiden Pools für die Wartung abgedeckt wurden (gelb) und wie der dritte Dampferzeuger darauf gestürzt ist.

460 Tonnen Stahl über dem Brennelementepool?

Zurück zu dem von Sortir-du-nucléaire veröffentlichten Foto: Die Abdeckung, auf die der Dampferzeuger gefallen ist, erscheint hier in einer rosa Färbung. Sie ist zum Teil beschädigt. Somit liegen 460 Tonnen Stahl quer über dem Reaktorpool und dem Brennelementepool, der nicht besonders tief ist. Ich schätze, dass die Brennelemente 2m bis 3m unter dem gestürzten Dampferzeuger liegen. Man kommt jetzt auch gar nicht an sie heran, so lange der Dampferzeuger darüber liegt und natürlich der Wartungskran und alles Mögliche zerstört ist. Wir müssen hoffen, dass das Abklingbecken dicht, seine Kühlung intakt und die Brennelemente unbeschädigt geblieben sind. Es ist unwahrscheinlich, dass sich alle drei Hoffnungen erfüllen. Trotzdem hat die Normandie ein Riesenglück gehabt, dass der Dampferzeuger nicht direkt in das Abklingbecken geknallt ist.

Erinnerung an Reaktor IV, Fukushima

Die Situation erinnert an den Reaktor 4 von Fukushima. Der war zum Zeitpunkt des Tsunamis ebenfalls in Wartung, aber das anfängliche Aufatmen darüber schlug schnell in Entsetzen um. Das mit Brennelementen gefüllte Abklingbecken konnte tagelang nicht gekühlt werden – für den damaligen Premierminister Naoto Kan eine noch größere Gefahr als die drei Kernschmelzen in den Reaktoren 1 bis 3, wie er in seinem Buch über Fukushima schreibt.

So interpretiere ich den Unfall, und deshalb mache ich auch diesen Vorabbericht vor einer Veröffentlichung. Obwohl ich mir meiner Sache sehr sicher bin, fehlt eine direkte Bestätigung dafür, wo sich die Brennelemente von Paluel-2 aktuell befinden. Ich kann aus 900 km Entfernung nur Sekundärquellen auswerten und mit meinen Kenntnissen über Atomreaktoren vergleichen. Und ich fürchte natürlich den sofort erhobenen Vorwurf der „deutschen Besserwisserei“. Aber vielleicht kann der eine oder andere Empfänger dieser Nachricht etwas dazu beisteuern oder französische Freunde mobilisieren (das versuche ich natürlich selber auch).

Auf alle Fälle ist es nicht nur ein Thema für Atomkraftgegner und Les Verts (die französischen Grünen), sondern auch für die Gewerkschaften, deren Mitglieder jetzt mit der gefährlichen Situation umgehen müssen. Dazu gehört aber auch die Verantwortung für eine korrekte und vollständige Information der Öffentlichkeit. FNME-CGT wählte ein großes Wort: EDF «a essuyé une fin de non-recevoir qui, si l¹enquête démontre une malfaçon sur la structure de levage d¹où est tombé le générateur de vapeur, est aujourd¹hui dommageable pour tout le monde» – EDF habe ein Maß an Wahrnehmungsverweigerung erreicht, das für alle schädlich sei.

Sollte sich allerdings herausstellen, dass das Nuklearmaterial des Reaktors unter dem abgestürzten Dampferzeuger liegt, ohne dass die Gewerkschaft es für nötig hielt, darüber zu berichten – dann hat auch sie Vertrauen verspielt.

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Nachtrag, 25.04.2016

In Bezug auf die Position der Brennelemente habe ich jedoch ein Statement der Atomaufsicht gefunden, wo es in einem Nebensatz heißt, die Brennelemente seien im „batiment du combustible“, also außerhalb des Containements.

Auch Sortir-du-nucléaire schrieb mir in diesem Sinn, aber uneindeutig. Dann habe ich mir bei google books alte Bücher über Reaktortechnik angesehen: die alten Druckreaktoren hatten das Abklingbecken tatsächlich neben der Reaktorwanne, die nächste Generation aber in einem Anbau. Demnach befindet sich neben dem Reaktorpool ein Entladungsbecken: die Lademaschine zieht sie aus dem geöffneten Reaktordruckbehälter raus und legt sie „daneben“ ab. Von dort werden sie durch ein Rohr zum eigentlichen Abklingbecken in einem Nebengebäude gezogen.

Ob Paluel so konstruiert ist: Fragezeichen. Wie ist es in Brokdorf oder Biblis? Und ob sie das tatsächlich auch gemacht haben in Paluel: ebenfalls Fragezeichen.

Ich bin dabei, weitere Informationen zu suchen.

1 comment to Der nächste Beinah-GAU in Frankreich?

  • JuliusK

    Wurde aus Fukushima nichts dazu gelernt? Außerdem werden Steinalte Kraftwerke noch weiterhin genutzt und oft nicht saniert. Die Konzerne machen so viel Geld und erhöhen immer wieder die Preise, sind aber zu geizig um ihre Kraftwerke zu sanieren u.a. eben neue Dampferzeuger anzuschaffen usw.

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